
logbuch
juli26
ein samstag. unsere tochter, 10, ist im café und sucht eine beschäftigung. ich schlage vor: augen schließen, ich führe sie vor die tür, augen auf, wenn es etwas zu entdecken gibt. wir finden malereien auf laternen, fassaden, briefkästen. sie ertastet efeu und das wasser am springbrunnen. der goldschmied erzählt von phönizischen hasen. im schaufenster des antiquars bücher von paul klee. ein nachbar empfiehlt, norwegisch zu lernen. im buchladen dann der jackpot: ein japanisches comic. den rest des tages ist ihr kopf im buch.
juli 26
ein tenor ist zum ersten mal zu gast. es läuft gershwins summertime. inspiriert singt er seine begrüßung und bestellung. ohrwurm für den rest des tages.
juli26
ein vertreter: wir könnten unsere gewinne maximieren, wenn wir mit app x kooperieren. nein, danke. ob wir also keinen gewinn wollen und keine neuen kunden. ich überlege, ob er ein ehrliches gespräch möchte: darüber, dass ein café wirtschaftlich tragfähig sein muss, aber sein eigentlicher beitrag sich nur unvollständig in umsatz und reichweite übersetzen lässt. dass genau diese app dazu führt, dass wir mehr damit beschäftigt sein werden, mehr zu verkaufen, statt die menschen zu sehen. nein, danke. immer diese idealisten.
juli26
ein anruf: ob wir person n kennen. sie ist nicht zu finden, vielleicht in einem krankenhaus. das café ist ihr fester ort. ob wir ihren kontakt hätten.
juli 26
die nachbarin: liebes, wie geht es dir. schön siehst du wieder aus. ob wir die zeit von letzter woche hätten, den literaturteil. und ihr beileid zum tod von marjane satrapi.
juli 26
ein kernteam aus dem buchclub und ich im video-call. wir sammeln ideen für einen abend zu virginia woolf. die inspiration kommt schnell: a room of one's own. silent reading? feministische perspektiven, raum für reflexion und kreativen ausdruck. je länger wir reden, desto tiefer steigen wir ein. die vorfreude wächst.
juli 26
hinter dem café ist ein innenhof. alte fassaden, über 100 jahre, dicht bewachsen mit wildem wein. im frühjahr vibriert die wand vor wespen und bienen. im herbst wird sie feuerrot und die beeren fallen wie regen auf das kopfsteinpflaster. sie atmen gleichgültig ein, was wir reden: über den betrieb, über filme, bücher und musik, über reisen, die wir machen wollen, und reisen, die wir gemacht haben. über beziehungen, die enden. über entscheidungen, reue, vorfreude und pläne, die vergessen werden.
ausatmen tun sie nicht.
juni 26
seit wochen kommt er. trinkt einen kaffee und redet. mal mit uns, mal mit sich selbst, mal mit menschen, die nur er sieht. wir haben schon einiges erlebt und wissen: er ist sonderbar, aber friedlich. auf seine art klarer als so mancher 'normale' mensch. doch er macht vielen gästen angst. sein unvorhersehbares verhalten setzt den raum unter spannung. tut mir leid, du kannst leider nicht wiederkommen, erkläre ich ihm. er lacht, kein problem. es war schön bei uns. ob seine frau weiterhin kommen könne. er hat keine. ich nicke. na klar.
juni 26
leider schließen wir in einer viertel stunde. kein problem, sagt sie mit einem amerikanischen akzent. nur ein kurzer cappuccino und ein stück kuchen. sie sitzt nachdenklich neben dem schallplattenspieler und betrachtet den raum, aber sie sieht andere menschen, hört andere gespräche. beim bezahlen erzählt sie, wie sie in dieser stadt vor ein paar jahren studiert hat und viel zeit in diesem café verbracht hat. heute war sie nur für einen kurzen besuch in bonn und gleich gehe sie zum flughafen. diesen letzten cappuccino wollte sie alleine genießen, sagt sie. und auch diesen spaziergang in ihren erinnerungen, denke ich. auf bald.
